Leseprobe

"Schotterpiste"

 

    Im Schummerlicht des Winterabends wirken die Fassaden matt und verwaschen. Der blasse Teint der Plattenwohnungen kommt nur fleckchenhaft zum Vorschein, wie unter einer rissigen Schicht billigen Make-ups. Sechs Stockwerke und Aufgang für Aufgang dieselbe Eintönigkeit. Auch Balkone, Fenster und Treppenhäuser gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Immer und überall gleich. Freunde, Nachbarn, Unbekannte, Fremde.

    Die Plattenwohnungen sind im Karree gebaut worden. Nur die erste Etage des Südblocks endet abrupt in einen schmalen Durchgang. Als hätte man einfach vergessen, ihn zu schließen. Der Durchgang, der einzige äußere Zugang zum Innenhof, ist gerade so breit wie die darüberliegende Zweizimmer-wohnung. Zerbrochene Pflastersteine weisen den Weg in den Hof. Zwischen rostigen Metallpfählen sind blaue Wäscheleinen gespannt, zwei vergessene Klammern baumeln im Wind, das Holz unter den Metallkrampen schwarz vor Schimmel. Paula kann sich nicht erinnern, dass dort jemals Wäsche aufgehängt wurde. Sie hatten dazwischen Fangen gespielt und Volleyball, Schuhe an den Schnürsenkeln miteinander verknotet und über die Leinen geworfen. Wessen Schuhe hängen blieben, der hatte gewonnen. Wer es nicht schaffte, wurde bestraft. Eine Kellerassel von der Unterseite einer losen Gehwegplatte kratzen und zerbeißen, bis man den Panzer knacken hörte, barfuß in die Biotonne auf dem Müllplatz klettern oder mit aufgekrempelten Ärmeln einen kleinen Stein aufheben, den der Gewinner zuvor in die Brennnesseln unter den Balkonen der ersten Stockwerke geworfen hatte. Freches Kinderlärmen, bis irgendein Nachbar dem unbeschwerten Gebrüll lautstark ein Ende setzte, die Halbstarken anblaffte und sie auf die kalten Treppenstufen der dunklen Kellereingänge im Hinterhof flüchten mussten.

    Paula streicht abwesend über ihre Handgelenke und schaut die Hauswand empor. Stellt fest, dass zwei Wohnungen leer stehen. Möglicherweise ist hinter den Fenstern auch bloß das Licht ausgeschaltet und die Gardine in der Wäsche. Punkt sechs drückt sie den Klingelknopf. Der Türöffner knurrt sie an. Leute, die mittlerweile Besseres gewohnt sind, begehren nur selten Einlass. Der Wind trägt die frostige Luft in den Hausflur hinein. Leider nicht weit genug. Kaum ist die Tür zu, riecht es muffig. Nach gedünstetem Kohl, kaltem Zigarettenrauch und Katzenpisse. Paula verzieht das Gesicht. Das Tier sollte dringend kastriert werden.

    Sie nimmt zwei Stufen auf einmal. Im vierten Stock bleibt sie atemlos stehen. Die Türen hier sind aus Pressspan, schießt ihr in den Sinn, und bieten zwar Schutz vor neugierigen Blicken. Doch Geräusche dringen beinah ungefiltert nach draußen. Diskretion wird es hier nie geben.

    Hinter der linken Tür wetzt ein Köter seine Krallen am Boden, als wolle er sich unter der Schwelle hindurch auf den Flur wühlen, und kläfft wie ein Berserker. Die Tür ist zerkratzt. Jemand hatte wohl versucht, ihr mit der Brechstange zu Leibe zu rücken. Warum er es nicht geschafft hat, ist Paula schleierhaft. Man braucht kein besonders starkes Werkzeug dafür, wie sie genau weiß. Diese Wette hatte sie vor Jahren gegen den fiesen Draufgänger aus dem Nachbaraufgang verloren, er hatte das Wurfspiel so oft gewonnen. Nur, was kann hier schon zu holen sein?

Hinter der zerschrammten Tür hört Paula plötzlich Schritte, ungehaltene Flüche. Ein dumpfer Schlag. Die Töle jault auf. Abrupt verstummen die Kratzgeräusche.

     Mit leisem Knacken erlischt das Licht im Hausflur. Wie von selbst tastet Paula im Dunkeln nach dem Kippschalter und klingelt an der Tür gegenüber. Unter dem Türspion hängt ein ovales Namensschild aus Ton. Drei offenbar selbst modellierte Kühe, die eher an Pferde erinnern, und der etwas schiefe Schriftzug „Froloff“. Von drinnen schallt Hannes Stimme auf den Flur.

    „Paps, mach mal auf, ja? Das ist bestimmt Paula.“

    Schritte schlurfen hinter der Tür über den Boden. Einen Augenblick später schaut Paula in das runde Gesicht von Theo, der aus dem dunklen Korridor der Wohnung in den grellen Flur blinzelt. Die Zeit hat ein Netz aus feinen Lachfalten um die Augen gewebt, und links und rechts der Nasenflügel ziehen sich zwei lange Furchen bis zum Kinn. Theo mustert Paula kurz, strafft die Schultern und schenkt ihr ein herzliches Lächeln. Kleine Kreise ziehen um seine Mundwinkel, die größer werden, je länger er sie anblickt, als habe sie mit dem Finger eine Wasseroberfläche angetippt.

    „Mensch, Paula, is‘ dit schön! Komm her!“

    Etwas steif erwidert Paula die Umarmung, er riecht nach gedünsteten Zwiebeln, Plattenbau und einem Spritzer Moschus. Theo zieht sie sanft in die Wohnung. Sie stellt ihre Stiefel auf das Schuhtablett, das den ausgetretenen Teppich vor Schmutzwasser und Dreck schützen soll. Die Jacke hängt sie neben seinen Tweedmantel. Ärmel so groß wie Flügel, modisch aufgepimpt mit braunen und grauen Aufnähern aus Leder. Nur jemand, der weiß, wie viele Jahre dieses Kleidungsstück bereits auf dem Buckel hat, weiß auch, dass die Flicken nicht zufällig auf dem Mantel sitzen.

    Ohne weiter darüber nachzudenken, schlüpft Paula in die blauen Filzpuschen mit den weißen Streifen. Es ist, als wäre sie gestern erst hier gewesen. Und doch ist es anders. Verstohlen schaut sie sich um. Kleine grüne Gummistiefel fallen ihr auf, wie die eines Gartenzwerges, eine geringelte Mütze auf der Kommode. Dem Spielzeugauto unter dem Schrank fehlt ein Rad. Fremd und ungewohnt ist aber vor allem das Kind.

    Ein kleiner Steppke linst durch die Küchentür, umklammert schüchtern Hannes Knie. Hannes Jeans ist vom vielen Spielen auf dem Boden ganz ausgebeult. Mit runden Augen schaut er Paula an. Plinkert ein paar Mal mit den langen, hübsch geschwungenen Wimpern und wagt schließlich ein flüchtiges Lächeln. Der wuschelige Haarschopf, ebenso blond wie die Wimpern, fällt ihm ungeschnitten in die Stirn. Die Strähnen kringeln sich im Nacken und über den Ohren. Paula beißt sich auf die Lippe. Wenn der Junge jemandem ähnlichsieht, muss es der Vater sein.

 

Ende der Leseprobe

Fahrrad mit Rucksack, Spritze und Bierflasche neben einer Kuhweide

Neugierig wie es weitergeht?

 

"Schotterpiste" ist im Buchhandel erhältlich. Falls es nicht vorrätig ist, kann es dort bestellt werden.


Schotterpiste
Taschenbuch, erschienen bei  BoD 
ISBN Taschenbuch:  978-3-7568-2041-2 

Auch als E-Book erhältlich.
ISBN E-Book: 978-3756809882

Auch online erhältlich. Im BoD-Buchshop oder auf vielen weiteren Plattformen wie Amazon, Thalia, Ecolibri ...